Migräne ist mehr als Kopfschmerz. Viele Betroffene kämpfen mit pochenden Schmerzen, Übelkeit, ausgeprägter Licht- oder Lärmempfindlichkeit oder mit kompletten Ausfalltagen. Falls du selbst betroffen bist, hast du dich vielleicht auch schon mal über Therapiemöglichkeiten informiert. Klassische Therapien sind für einen Teil der Betroffenen eine gute Lösung. Allerdings zeigt die Praxis, dass klassische Medikamente und Standardtherapien nicht immer helfen. Viele Betroffene haben trotz Behandlung weiterhin regelmäßige Migräne-Attacken oder vertragen bestimmte Wirkstoffe nicht gut.1 Deshalb wird eine begleitende Cannabistherapie zunehmend untersucht, und seit einigen Jahren wird medizinisches Cannabis gegen Migräne als weitere Therapieoption intensiver erforscht.
Die aktuelle Studienlage
Wir zeigen dir die aktuelle Studienlage zu Migräne und Cannabis, erklären dir, worauf du achten musst und welche Erwartungen an eine Cannabis-Therapie realistisch sind.
Was sagen die aktuellen Studien?
Diese Seite stützt sich auf verschiedene Studien: eine placebokontrollierte Doppelblindstudie (RCT) aus 2026, zwei systematische Reviews aus 2022, eine große Beobachtungsstudie mit 699 Patienten sowie Grundlagenarbeiten zu Wirkmechanismus, Wechselwirkungen und Rechtslage. Aktuelle epidemiologische Daten zur Verbreitung von Migräne in Deutschland stammen von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG).2 Alle Studien werden im Text transparent zitiert – du kannst jede Aussage direkt zur Quelle zurückverfolgen.
Dabei gilt allerdings grundsätzlich: Die wissenschaftliche Evidenz zu Cannabis bei Migräne ist derzeit begrenzt und heterogen.
Hier die Ergebnisse in Kurzform: In der aktuellen Studie von 2026 zeigten sich unter THC/CBD Hinweise auf eine stärkere Symptomverbesserung als unter Placebo.3 Auch systematische Reviews beschreiben Unterschiede bei einzelnen untersuchten Endpunkten wie Anfallshäufigkeit und Anfallsdauer.45 Gleichzeitig gilt: Die Datenlage ist noch begrenzt. Vor allem zu den Langzeitwirkungen, zur Prophylaxe und zur optimalen Anwendung fehlen weiterhin größere randomisierte Studien. Cannabis ersetzt deshalb keine Standardtherapie, sondern wird eher als ergänzende Option zu klassischen Therapieformen diskutiert.
Ob Cannabis für dich infrage kommt, entscheidet ein Arzt nach einer individuellen medizinischen Prüfung.
Wie wirkt Cannabis bei Migräne?
Cannabis bei Migräne mit Aura: Was sagen die Studien?
Migräne tritt mit und ohne Aura auf. Bei Migräne mit Aura gehen dem Schmerz neurologische Symptome voraus: Sehstörungen, Kribbeln, Sprachprobleme. Ob Cannabis bei Migräne mit Aura und ohne Aura gleich wirksam ist, ist noch nicht abschließend untersucht. Die Schuster-Studie 2026 schloss Patienten mit und ohne Aura ein.3
Mögliche Wirkweise von Cannabis bei Migräne
THC und CBD greifen an mehreren Punkten des neurobiologischen Geschehens ein: bei der Schmerzübertragung, der neuronalen Ausschüttung von Neurotransmittern und im Immunsystem. In der Forschung werden entzündungshemmende Eigenschaften der Cannabinoide untersucht. Präklinische Daten deuten darauf hin, dass Cannabinoide die Freisetzung von CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) beeinflussen könnten, einem Schlüsselmediator bei Migräneanfällen. Klinische Belege für diesen Mechanismus beim Menschen liegen noch nicht vor.
Das Endocannabinoid-System
Dein Körper hat ein eigenes Endocannabinoid-System (ECS), ein Netzwerk aus Rezeptoren und Botenstoffen, das die Schmerzwahrnehmung, Entzündungen, Stimmung und den Schlaf mitreguliert. Führende Expert*innen erforschen intensiv, wie dieses System gezielt beeinflusst werden kann. Die körpereigenen Endocannabinoide Anandamid und 2-AG binden an CB1- und CB2-Rezeptoren im zentralen und peripheren Nervensystem.
Der Forscher Ethan Russo hat die Theorie der klinischen Endocannabinoid-Defizienz (CECD) entwickelt. Bei Migräne, Fibromyalgie und Reizdarmsyndrom könnte eine chronische Unterversorgung mit körpereigenen Endocannabinoiden vorliegen.6 Diese Hypothese ist nicht abschließend bewiesen, liefert jedoch einen biologischen Ansatzpunkt.
THC und CBD: Was ist der Unterschied?
THC (Tetrahydrocannabinol) bindet direkt an CB1-Rezeptoren im Gehirn. Es wird unter anderem im Zusammenhang mit Schmerzverarbeitung und migränebegleitenden Symptomen wie Übelkeit untersucht. In der Schuster-Studie 2026 gab es Hinweise darauf, dass THC möglicherweise maßgeblich zum beobachteten Effekt beigetragen hat.3
CBD (Cannabidiol) wirkt indirekt. Es moduliert das ECS ohne Rauschzustand, hemmt den Abbau von Anandamid und wird unter anderem im Zusammenhang mit Entzündungsprozessen untersucht. CBD allein war in der 2026-Studie nicht signifikant besser als Placebo. In der Studie wurde unter THC/CBD eine längere Beobachtungswirkung beschrieben als unter THC allein.3
Weitere Studien zur Verwendung von Cannabis auf Rezept findest du hier.
Cannabis bei Migräne: Akuttherapie und Prophylaxe im Vergleich
In wissenschaftlichen Untersuchungen wurden verschiedene Anwendungskonzepte untersucht.
Akuttherapie: inhalative Anwendungen wie vaporisiertes Cannabis wurden aufgrund ihrer schnelleren Wirkung in Studien vor allem bei laufenden Attacken untersucht, weshalb hierfür bisher die meisten klinischen Daten vorliegen.3
Cannabis in längerfristigen Behandlungskonzepten: orale Formen wie Extrakte, Öle oder Kapseln werden häufiger im Zusammenhang mit solchen Konzepten untersucht. Reviews zeigen hier eine Reduktion der Migränetage um durchschnittlich 5,8 pro Monat nach 30-tägiger Einnahme.4
| Einsatz | Form | Evidenz |
|---|---|---|
| Akuttherapie | Inhalativ | RCT 2026 |
| Prophylaxe | Oral | Systematische Reviews |
| Schlaf & Übelkeit | Oral | Reviews |
Welche Therapieoption für dich sinnvoll sein könnte, entscheidet dein behandelnder Arzt nach einer individuellen Prüfung.
Welche Cannabis-Profile werden bei Migräne untersucht?
Die Frage nach der richtigen Cannabis-Form lässt sich nicht pauschal beantworten, denn sie hängt vom Einsatzzweck, deiner THC-Verträglichkeit und deinem individuellen Ansprechen ab. Medizinische Studien zeigen, dass unterschiedliche cannabinoidhaltige Produkte mit verschiedenen THC- und CBD-Anteilen jeweils eigene Profile in der Schmerztherapie aufweisen. Wenn es um Kopfschmerzen und Migräne geht, bietet die Wissenschaft mittlerweile differenzierte Ansätze.
Daraus ergeben sich je nach Indikation folgende Orientierungspunkte für eine mögliche Behandlung mit Cannabis.
Akuttherapie: THC-dominante Produkte in Studien zu akuten Migränebeschwerden
THC-dominante Produkte wurden von der Wissenschaft vor allem im Rahmen akuter Anwendungen untersucht, um plötzliche, heftige Migräneattacken und Schmerzspitzen schnell zu adressieren. Die Schuster-Studie 2026 deutete darauf hin, dass THC maßgeblich zu den beobachteten positiven Effekten beigetragen hat.3 Wichtig ist, dass die Dosierung sensibel abgestimmt ist, da eine zu hohe Dosis bei manchen Patienten die Symptome verschlimmern kann.
Nachhaltiger Effekt: Ausgewogene THC-CBD-Kombinationen
Kombinationen aus den beiden primären Cannabinoiden THC und CBD zeigten in Studien Hinweise auf den stabilsten Langzeiteffekt über 24 und 48 Stunden.3 Einzelne Daten deuten zudem darauf hin, dass solche ausgewogenen Kombinationen auch im Zusammenhang mit typischen Begleitsymptomen wie Übelkeit und Erbrechen, Schlafstörungen sowie der allgemeinen Schmerzintensität vielversprechende Ansätze bieten und die Intensität der Beschwerden spürbar dämpfen können. Die klinische Bedeutung dieser Beobachtungen wird derzeit weiter untersucht, um Cannabis als ergänzendes Arzneimittel bei der akuten Behandlung von Migräne in Betracht ziehen zu können.
Prophylaxe: CBD-dominante Produkte für die langfristige Anwendung
CBD-dominante Produkte wurden in der Forschung eher im Zusammenhang mit längerfristigen prophylaktischen Anwendungen und dem abendlichen Einsatz untersucht. CBD allein war bei akuter Migräne zwar nicht signifikant besser als ein Placebo, allerdings werden für CBD unter anderem potenzielle Effekte auf die Schlafqualität und das subjektive Wohlbefinden diskutiert.
| Einsatzbereich in Studien | Untersuchtes Profil |
|---|---|
| Akute Anwendung | überwiegend THC-dominant |
| Akut + Langzeiteffekt | ausgewogene THC-CBD-Kombinationen |
| Prophylaxe / Schlaf | überwiegend CBD-betont |
Wichtiger Hinweis zum Thema medizinisches Cannabis bei Migräne: Welche Form konkret für dich infrage kommt, entscheidet keine Statistik. Nur ein erfahrener Facharzt kann die passende Therapieform individuell auf dich abstimmen. Nach einer sorgfältigen Diagnose erfolgt die gezielte Verordnung, sodass der Mediziner dir das genau passende Rezept verschreiben kann.
Cannabis gegen Migräne vs. Standardmedikamente
Triptane
Triptane sind die wirksamste Akuttherapie bei mittelschwerer bis schwerer Migräne.1 Rund 60–70% der Betroffenen sprechen auf die Erstdosis an. Limitierungen: Triptane sind bei bestimmten Herzerkrankungen kontraindiziert und können bei häufigem Gebrauch (>10 Tage/Monat) einen Medikamentenübergebrauchskopfschmerz (MÜK) auslösen.1
NSAR und klassische Schmerzmittel
NSAR und klassische Schmerzmittel sind First-Line-Therapien bei leichter bis mittelschwerer Migräne.1 Bei schweren Anfällen reichen sie häufig nicht aus. Auch hier besteht ein MÜK-Risiko bei regelmäßigem Gebrauch.
CGRP-Medikamente
CGRP-Antikörper sind zur Prophylaxe zugelassen und reduzieren bei etwa 50 % der Patienten die Anzahl der Migränetage um mindestens 50 %. Sie werden monatlich oder vierteljährlich injiziert und sind im GKV-System an Voraussetzungen geknüpft. CGRP-Antagonisten stehen für die Akuttherapie zur Verfügung.
Prophylaxe-Medikamente
Standard-Prophylaxeoptionen sind zum Beispiel Betablocker, aber auch Wirkstoffe aus anderen Medikamentenklassen. Sie haben eine nachgewiesene Wirksamkeit und individuelle Nebenwirkungsprofile.1
| Klasse | Einsatz | Typische NW | MÜK-Risiko |
|---|---|---|---|
| Triptane | Akut | Brustenge, Schwindel | Ja |
| NSAR | Akut (leicht-mittel) | GI-Beschwerden | Ja |
| CGRP-Antikörper | Prophylaxe | Obstipation | Nein |
| Betablocker | Prophylaxe | Müdigkeit, Bradykardie | Nein |
| Cannabinoid | Akut / Prophylaxe | Schwindel, Mundtrockenheit | Möglicherweise |
Was bedeutet das für Patienten, die bereits Medikamente einnehmen?
Wechselwirkungen sind insbesondere mit Triptanen möglich. Einige Medikamente dieser Klasse werden über CYP1A2 verstoffwechselt. Cannabis beeinflusst dieses Enzym je nach Einnahmeform:7 Gerauchtes Cannabis induziert CYP1A2 (kann die Triptanwirkung abschwächen), vaporisiertes oder orales Cannabis hemmt es (kann den Triptan-Spiegel erhöhen).
Achtung bei gleichzeitiger Einnahme von Triptanen und Cannabis
Vaporisiertes und orales Cannabis kann den CYP1A2-Abbau bestimmter Triptane hemmen und dadurch deren Blutspiegel erhöhen. Informiere deinen Arzt unbedingt über alle Medikamente, bevor du Cannabis einsetzt.7
Mehr zu allen Wechselwirkungen: Cannabis-Wechselwirkungen im Überblick.
Wie nimmt man medizinisches Cannabis ein?
Verdampfen
Vaporisieren gilt im medizinischen Kontext gegenüber dem Rauchen als die risikoärmere Methode, wenn Patienten Cannabis inhalieren möchten. Der Wirkstoff verdampft bei kontrollierter Temperatur ohne Verbrennung und ohne schädliche Verbrennungsprodukte. Vaporisiertes Cannabis zeigte in der einzigen RCT zu Cannabis bei Migräne (Schuster et al. 2026) Hinweise auf kurzfristige Effekte bei akuten Beschwerden.3
Cannabisblüten rauchen
Medizinisch nicht empfohlen. Beim Rauchen von getrocknetem Marihuana entstehen polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, die die Atemwege belasten und CYP1A2 induzieren können, was die Wirksamkeit gleichzeitig eingenommener Triptane beeinflussen kann.7 Falls dennoch gewünscht, muss das Arztgespräch klären, ob es vertretbar ist.
Orale Cannabisformen bei Migräne: Extrakt, Tropfen, Kapseln
Cannabis-Öl gegen Migräne wird insbesondere hinsichtlich der prophylaktischen Anwendung untersucht und kann für den nächtlichen Einsatz sinnvoll sein. Orale Formen ermöglichen eine präzise und gleichmäßige Dosierung. Sie weist einen verzögerten Wirkungseintritt und eine längere Wirkdauer auf. Jedes medizinisch verschriebene Präparat wie Öle oder Extrakte weist einen exakt deklarierten und standardisierten THC-/CBD-Gehalt auf.
Spray
Cannabinoidhaltige Oromukosalsprays werden über die Mundschleimhaut aufgenommen. Der Wirkungseintritt liegt zwischen der Inhalation und der oralen Einnahme. Sie sind einfach dosierbar und diskret in der Anwendung. Eine mögliche Nebenwirkung ist eine Schleimhautreizung im Mundbereich. Die Verfügbarkeit solcher Sonderformen ist in Deutschland eingeschränkt.
Ob eine bestimmte Darreichungsform medizinisch berücksichtigt wird, entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.
Wie schnell wirkt Cannabis gegen Migräne?
Inhalation
Kurz nach der Anwendung. Cannabinoide gelangen über die Lunge direkt in den Blutkreislauf. In der Schuster-Studie 2026 wurden Veränderungen bereits vor dem ersten regulären 2-Stunden-Messzeitpunkt dokumentiert3. Wegen des schnellen Wirkungseintritts wird inhalatives Cannabis für akute Anwendungen untersucht.
Orale Einnahme
Deutlich später als bei der Inhalation und bis zu mehrere Stunden nach der Anwendung. Der Weg über Magen-Darm-Trakt und Leber (First-Pass-Metabolismus) verlängert den Wirkungseintritt erheblich, der Effekt hält dafür länger an. Aufgrund des verzögerten Wirkungseintritts wird in der Fachliteratur auf das Risiko vorzeitiger Nachdosierungen hingewiesen.
Spray
Der Wirkungseintritt liegt zeitlich zwischen inhalativer und oraler Anwendung.
Faktoren die den Wirkungseintritt beeinflussen
Es gibt eine Reihe an individuellen Einflussfaktoren, die sich auf den Wirkungseintritt auswirken können. Dazu gehören der Einnahmezeitpunkt, etwa vor oder nach einer Mahlzeit, individuelle Verträglichkeit, die genetische Stoffwechselvarianz, die Wirkstoffkonzentration und nicht zuletzt auch die Einnahmeform.
Welche Nebenwirkungen sind bei medizinischem Cannabis möglich?
Allgemeine Nebenwirkungen
Wie bei anderen wirksamen Medikamenten sind auch bei Cannabis Nebenwirkungen möglich. Häufig: Schwindel, trockener Mund, Müdigkeit. Bei höheren THC-Dosen können vorübergehende Angstzustände oder Herzrasen auftreten. Bei regelmäßiger Anwendung besteht das Risiko einer psychischen Abhängigkeit.
Cannabis ist nicht geeignet bei:
- Schwangerschaft und Stillzeit
- Persönlicher oder familiärer Vorgeschichte von Psychosen oder Schizophrenie
- Schwerer Herzerkrankung
- Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren
Unterschiede je Darreichungsform
- Inhalation: Mögliche Reizung der Atemwege. Schnellste Wirkung, aber auch das höchste Überdosierungsrisiko.
- Oral: Verzögerter Wirkungseintritt erhöht das Risiko, zu früh nachzudosieren. Länger anhaltende systemische Wirkung.
- Spray: Lokale Schleimhautreizung möglich.
Besondere Hinweise zu Spray
Cannabinoidsprays können bei regelmäßigem Gebrauch Reizungen der Mundschleimhaut verursachen. Bei anhaltenden Veränderungen der Schleimhaut sofort ärztliche Kontrolle. Je nach Anweisung deines behandelnden Arztes muss die Applikationsstelle gegebenenfalls regelmäßig gewechselt werden.
Medikamentenübergebrauchskopfschmerz (MÜK) – Kann Cannabis selbst Migräne auslösen? Ja, genau wie Triptane und NSAR kann auch Cannabis bei zu häufigem Einsatz einen MÜK begünstigen, also Migräne durch Cannabis verstärken oder neu auslösen. Die Anwendung sollte deshalb immer ärztlich begleitet werden.
Vollständiges Nebenwirkungsprofil: Cannabis-Nebenwirkungen im Überblick.
Was kostet eine Cannabis-Therapie?
Kassenleistung
Eine Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenversicherung ist grundsätzlich möglich (§ 31 Abs. 6 SGB V, seit 2017). Sie setzt einen individuellen Antrag, eine fundierte ärztliche Stellungnahme sowie die offizielle Genehmigung der Krankenkasse voraus. Bei der Indikation Migräne übernimmt jedoch nicht jede Krankenkasse die Kosten ohne Weiteres, insbesondere dann, wenn etablierte Therapieoptionen noch nicht vollständig ausgeschöpft wurden.
Selbstzahlung
Bei privat verordneten Cannabisarzneimitteln können ärztliche und pharmazeutische Kosten in der Apotheke anfallen. Die Produktkosten kommen hinzu und variieren je nach Produkt, Hersteller und Wirkstoffgehalt. Die monatlichen Gesamtkosten hängen von der verordneten Menge ab.
Cannabis bei Migräne: So läuft die ärztliche Prüfung ab
Seit dem Cannabisgesetz (CanG, April 2024) können Ärzte Cannabis bei Migräne auf Privatrezept ausstellen, sofern dies medizinisch vertretbar ist.8
Die medizinische Vertretbarkeit muss durch eine individuelle ärztliche Prüfung festgestellt werden.
Beschwerden einordnen
Im Fragebogen sind genaue Angaben zur Häufigkeit schwerer Migräne-Attacken, zur Anfallsdauer, zur Schmerzintensität und zu Begleitsymptomen wie Übelkeit, Aura sowie ausgeprägter Licht- und Geräuschempfindlichkeit zu machen.
Vorbehandlungen prüfen
Der Arzt prüft, welche Therapien bereits eingesetzt wurden und wie sie vertragen wurden.
Welche Faktoren berücksichtigt der Arzt bei der Therapieentscheidung?
Basierend auf den medizinischen Angaben beurteilt der Arzt, ob eine Behandlung mit medizinischem Cannabis im jeweiligen Fall infrage kommt, welche Darreichungsform medizinisch sinnvoll ist und welche Aspekte bei der Präparateauswahl berücksichtigt werden
Cannabis bei Migräne: Erfahrungen aus der Praxis
Was berichten Patienten über den Einsatz von Cannabisprodukten bei Migräne? Die bislang größte Beobachtungsstudie zu diesem Thema von Stith et al. mit 699 Patienten liefert Hinweise auf potenzielle Effekte im Versorgungsalltag. In der Beobachtungsstudie wurden Veränderungen subjektiv wahrgenommener Beschwerden dokumentiert.9
In den verfügbaren Patientendaten wurden vor allem Veränderungen bei migränebegleitenden Beschwerden wie Übelkeit, Lichtempfindlichkeit oder Schlafstörungen nach der Attacke beschrieben. Für die akute Schmerzbehandlung bei einem Anfall bleiben Triptane bei vielen Betroffenen weiterhin die Standardtherapie. Doch herkömmliche Medikamente helfen nicht immer. Cannabis-Produkte können ergänzend eingesetzt werden, wenn eine unzureichende Wirkung, Unverträglichkeiten oder eine verspätete Einnahme klassischer Akutmedikamente vorliegen.
Außerdem ist zu beachten, dass solche Beobachtungsstudien interessante Hinweise liefern können, aber wissenschaftlich als weniger aussagekräftig als randomisierte kontrollierte Studien gelten.
Aus der klinischen Praxis ist zudem bekannt, dass der Wirkungseintritt und die optimale Dosierung individuell stark variieren. Verträglichkeit, Genetik und Einnahmeform spielen eine erhebliche Rolle, weshalb die ärztliche Begleitung entscheidend ist.
Wichtig: Erfahrungsberichte aus Foren oder sozialen Medien sind kein Ersatz für eine medizinische Einschätzung. Ob Cannabis bei Migräne für dich infrage kommt, beurteilt ein Arzt anhand deiner individuellen Krankengeschichte.
Studien & Quellen
Hier ein Überblick der Studien, auf die sich diese Seite stützt:
| Studie | Design | Teilnehmer | Ergebnis | Jahr |
|---|---|---|---|---|
| Schuster et al. | RCT, doppelblind, placebokontrolliert | 92, 247 Anfälle | 67% Schmerzlinderung THC+CBD vs. 47% Placebo (p=0,016) | 2026 |
| Okusanya et al. | Narrative Review (12 Studien) | 1.980 | Migränefrequenz reduziert um ca. 5,8 Anfälle/Monat | 2022 |
| Sherpa et al. | Systematic Review (9 Studien) | k.A. | Signifikante Reduktion von Dauer und Häufigkeit | 2022 |
| Stith et al. | Beobachtungsstudie (App-Daten) | 699 | 94% Symptomlinderung; Δ 3,3 Punkte auf 0–10 | 2020 |
Mit der Veröffentlichung der ersten RCT 2026 liegen inzwischen mehr klinische Daten vor als in früheren Jahren. Für Prophylaxe, optimale Dosierung und Langzeiteffekte fehlen noch randomisierte kontrollierte Studien.
Die Inhalte dienen ausschließlich der neutralen Information über den aktuellen Stand der Forschung und ersetzen keine ärztliche Beratung oder Behandlungsempfehlung. Für die neurologische Kaskade gibt es derzeit keine allgemein anerkannte Standardtherapie auf Cannabisbasis, bei der Cannabisarzneimittel pauschal für jeden Patienten empfohlen werden können.
Quellen
-
Marmura MJ, Silberstein SD, Schwedt TJ (2015). The Acute Treatment of Migraine in Adults: The American Headache Society Evidence Assessment of Migraine Pharmacotherapies. Headache. 55(1):3–20. PMID: 25600718. DOI: 10.1111/head.12499 ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5
-
Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG). Migräne – Häufigkeit und Epidemiologie. Verfügbar unter: https://www.dmkg.de/patienten/migrae-ne ↩
-
Schuster NM, Wallace MS, Marcotte TD, Buse DC, Lee E, Liu L, Sexton M (2026). Vaporized cannabis versus placebo for acute migraine: A randomized, double-blind, placebo-controlled crossover trial. Headache: The Journal of Head and Face Pain. PMID: 41469488. DOI: 10.1111/head.70025 ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6 ↩7 ↩8 ↩9
-
Okusanya BO, Lott BE, Ehiri J, McClelland J, Rosales C (2022). Medical Cannabis for the Treatment of Migraine in Adults: A Review of the Evidence. Frontiers in Neurology. 13:871187. PMID: 35711271. DOI: 10.3389/fneur.2022.871187 ↩ ↩2
-
Sherpa ML, Shrestha N, Ojinna BT et al. (2022). Efficacy and Safety of Medical Marijuana in Migraine Headache: A Systematic Review. Cureus. 14(12):e32622. PMID: 36660507. DOI: 10.7759/cureus.32622 ↩
-
Russo EB (2016). Clinical Endocannabinoid Deficiency Reconsidered: Current Research Supports the Theory in Migraine, Fibromyalgia, Irritable Bowel, and Other Treatment-Resistant Syndromes. Cannabis and Cannabinoid Research. 1(1):154–165. PMC: 5576607. DOI: 10.1089/can.2016.0009 ↩
-
Khan R et al. (2022). Contemplating cannabis? The complex relationship between cannabinoids and hepatic metabolism resulting in the potential for drug-drug interactions. Frontiers in Psychiatry. 13:1055481. PMC: 9871609. DOI: 10.3389/fpsyt.2022.1055481 ↩ ↩2 ↩3
-
Cannabisgesetz (CanG), in Kraft getreten am 01. April 2024. Verfügbar unter: https://www.gesetze-im-internet.de/cang/ ↩
-
Stith SS, Li X, Orozco J, Brockelman F, Keeling K, Hall B, Vigil JM (2020). Alleviative effects of Cannabis flower on migraine and headache. Journal of Integrative Medicine. 18(5):416–424. PMID: 32758396. DOI: 10.1016/j.joim.2020.07.004 ↩
