Cannabis bei ADHS

Cannabis bei ADHS

Du weißt schon morgens, dass es heute wieder schwer wird. Drei Aufgaben angefangen, keine abgeschlossen. Gedanken, die nicht stillhalten. Das ständige Gefühl, wichtige Dinge zu verpassen, obwohl du dich eigentlich bemühst. ADHS im Erwachsenenalter ist eine neurologische Erkrankung, die laut AWMF-Leitlinie bei 2 bis 4 Prozent der Erwachsenen in Deutschland vorkommt. Das sind über zwei Millionen Menschen, viele davon ohne Diagnose oder mit unzureichender Behandlung.1

Stimulierende Medikamente wie Methylphenidat helfen vielen Menschen mit ADHS deutlich. Bei einem Teil wirken sie jedoch nicht ausreichend, werden nicht vertragen oder bestimmte Symptombereiche wie Schlafprobleme und emotionale Überreaktionen bleiben bestehen. Für diese Situationen wird medizinisches Cannabis gegen ADHS zunehmend als ergänzende Therapieoption diskutiert.2

Die aktuelle Studienlage

Diese Seite stützt sich auf den bisher einzigen kontrollierten Wirksamkeitsversuch mit Cannabis für ADHS-Patienten —ein Pilotversuch mit 30 Erwachsenen—, mehrere systematische Reviews und Querschnittsstudien aus dem klinischen Alltag sowie offizielle Leitlinien.324 Alle Aussagen werden transparent zitiert.

Das Wichtigste vorab: Die Studienlage zu Cannabis als Medizin ist hier noch deutlich begrenzter als bei anderen Indikationen. In der einzigen kontrollierten Pilotstudie zeigten sich nominell Verbesserungen bei Hyperaktivität und Impulsivität. Das Hauptziel der Studie wurde jedoch nicht erreicht.3 Systematische Reviews ordnen die Evidenz als „noch im Entstehen“ ein und empfehlen, keine klinischen Empfehlungen auszusprechen, bis robustere Daten vorliegen, die eine allgemeine Wirksamkeit wissenschaftlich zweifelsfrei belegen.2 Der Einsatz von Cannabis ist für ADHS keine etablierte Erstlinientherapie und ersetzt keine ärztlich empfohlene ADHS Behandlung oder eine begleitende Psychotherapie.

Ob medizinisches Cannabis für ADHS-Patienten infrage kommt, entscheidet ein Arzt nach einer individuellen medizinischen Prüfung. 

Wie wirkt medizinisches Cannabis bei ADHS?

Warum Dopamin bei ADHS eine wichtige Rolle spielt

Die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung ist mit einer Dysregulation des dopaminergen und noradrenergen Systems verknüpft, insbesondere im präfrontalen Kortex, der für Impulskontrolle, Aufmerksamkeitssteuerung und Planung zuständig ist.1 Stimulierende Medikamente wirken genau dort und erhöhen die Verfügbarkeit von Dopamin und Noradrenalin.

Der Zusammenhang zwischen Cannabis und Dopamin wird häufig diskutiert. THC kann die Dopaminausschüttung im Belohnungssystem akut beeinflussen, was die anfänglich als entspannend empfundene Wirkung miterklärt. Ein gezielter therapeutischer Effekt auf das bei ADHS gestörte Dopaminsystem lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Cannabinoide greifen an anderen Stellen des Nervensystems ein. Ihr Wirkmechanismus bei ADHS ist ein aktives Forschungsfeld, aber noch nicht klinisch abschließend verstanden.

Es wird weiterhin der mögliche Einfluss von Cannabis auf das Serotonin untersucht. CBD interagiert mit dem 5-HT1A-Serotoninrezeptor, was die in Studien beobachteten Effekte auf Angst und Schlafparameter teilweise erklären könnte. Allerdings ist ein klinisch relevantes Serotonin-Syndrom nicht allein durch medizinisches Cannabis belegt. Relevanz erhält das Thema insbesondere bei gleichzeitiger Einnahme serotonerg wirksamer Medikamente, die du im Fragebogen angeben solltest.

Mögliche Wirkweise von Cannabinoiden bei ADHS

Das Endocannabinoid-System (ECS) moduliert unter anderem die Aktivität dopaminerger Bahnen. Neuere Übersichtsarbeiten deuten darauf hin, dass das ECS über Mechanismen wie Aufmerksamkeitsregulation, Impulsmodulation und emotionale Steuerung eine Rolle in der Pathophysiologie von ADHS spielen könnte.56 Klinisch belegt ist dies allerdings noch nicht.

Das Endocannabinoid-System

Dein Körper hat ein eigenes Endocannabinoid-System, also ein Netzwerk aus Rezeptoren und Botenstoffen, das verschiedene neurobiologische Prozesse maßgeblich beeinflusst. CB1-Rezeptoren finden sich besonders im zentralen Nervensystem, CB2-Rezeptoren vor allem im Immunsystem. Erste Studien zeigen, dass gerade bei ADHS eine veränderte Aktivität in diesen Systemen vorliegen könnte.5

THC und CBD: Was ist der Unterschied bei ADHS?

THC bindet direkt an CB1-Rezeptoren. Die subjektive Wahrnehmung kann individuell variieren. Bei höheren Dosen kann THC hingegen die Konzentration und das Arbeitsgedächtnis beeinträchtigen. Betroffen wären also genau die Bereiche, die bei ADHS ohnehin herausfordernd sind. Die einzige Pilotstudie zu Cannabis bei ADHS setzte Sativex ein, ein THC:CBD-Spray im Verhältnis 1:1.3

CBD wird in der Regel nicht mit den psychoaktiven Effekten von THC in Verbindung gebracht. Es wird unter anderem im Zusammenhang mit Angst- und Schlafsymptomen untersucht, also zwei Bereiche, die bei ADHS häufig beeinträchtigt sind. Ob CBD einen direkten Effekt auf die Kernsymptome von ADHS hat, ist nicht belegt. Sein Potenzial liegt eher bei Begleiterscheinungen.2

Welche weiteren Indikationen für medizinisches Cannabis infrage kommen, zeigt unsere Übersicht der häufigsten Indikationen.

Cannabis bei ADHS: Tagesbegleitung und Abendanwendung im Vergleich

Anders als bei Migräne gibt es bei ADHS keine akuten Attacken. Die ADHS-Symptome sind dauerhaft und erfordern ein anderes Anwendungsschema. In Studien und Beobachtungsdaten werden unterschiedliche Anwendungskontexte beschrieben.

Tagesbegleitend: Hier kommen niedrige Dosen zum Einsatz. In der Wissenschaft wird intensiv untersucht, inwieweit Cannabinoide die neuronale Hyperaktivität im Alltag lindern können. Besonders wichtig ist dabei, dass zu hohe THC-Dosen Konzentrationsstörungen verursachen oder das Arbeitsgedächtnis beeinträchtigen können, wodurch der gegenteilige Effekt ausgelöst wird. Eine vorsichtige Titration unter ärztlicher Anleitung ist deshalb essenziell.

Abend und Nacht: Viele Menschen mit ADHS leiden unter Einschränkungen wie Einschlafproblemen und rasenden Gedanken am Abend. Orale Formen wie Extrakte oder Öle mit einem sedierenden Profil werden teilweise im Zusammenhang mit dieser abendlichen Anwendung untersucht.

AnwendungszweckEmpfohlene FormWirkungseintrittWichtiger Hinweis
TagesbegleitendVaporisiert, sehr niedrig dosiert5–15 Min.Keine hohen THC-Dosen tagsüber
Abend / SchlafÖl oder Extrakt1–3 Std.Einnahme 1–2 Std. vor dem Schlafen
DauerbegleitungOral, gleichmäßig1–3 Std.Nur unter enger ärztlicher Begleitung

Welches Anwendungsschema für dich sinnvoll ist, legt dein Arzt individuell fest.

Welche Cannabis-Sorte bei ADHS?

Die Frage nach passenden Cannabis-Sorten bei ADHS lässt sich nicht pauschal beantworten. Die bisherige Datenlage gestaltete sich folgendermaßen:

Ausgewogene THC:CBD-Sorten (1:1) sind das einzige Cannabinoidprofil, das bisher in einer kontrollierten Studie bei ADHS untersucht wurde. Die Cooper-et-al.-Pilotstudie 2017 verwendete Sativex, ein Oromukosal-Spray mit je etwa 2,7 mg THC und 2,5 mg CBD pro Hub. Bei diesem Wirkstoffverhältnis zeigten sich nominell signifikante Verbesserungen bei Hyperaktivität und Impulskontrolle.3 Für Balanced-Produkte wie Extrakte oder Öle mit einem THC:CBD-Verhältnis von etwa 1:1 liegen derzeit die meisten Untersuchungsdaten vor.

CBD-dominante Produkte werden unter anderem im Zusammenhang mit Begleiterscheinungen wie Schlafschwierigkeiten, Angstzuständen oder emotionaler Dysregulation untersucht. CBD allein hat keine nachgewiesene Wirkung auf die Kernsymptome von ADHS wie Unaufmerksamkeit oder Hyperaktivität.

THC-dominante Sorten sind bei ADHS mit besonderer Vorsicht zu betrachten. Hohe THC-Dosen können Konzentration, Arbeitsgedächtnis und Impulskontrolle beeinträchtigen. Die Behandlung erfolgt ausschließlich unter ärztlicher Begleitung.

In einer Beobachtungsstudie wurde außerdem eine Assoziation zwischen höheren Cannabinol-Dosen (CBN) und niedrigeren ADHS-Symptomwerten beschrieben.7 Die Studienbasis dafür ist allerdings sehr begrenzt, sodass dieser Befund kein Behandlungshinweis, sondern eher ein Ansatzpunkt für weitere Forschung ist.

Welche Sorte oder welches Profil konkret für dich geeignet ist, entscheidet der Arzt. 

Cannabis bei ADHS vs. Standardmedikamente

Die klassische medikamentöse Behandlung von ADHS basiert in der Regel auf etablierten Wirkstoffen, die gezielt in den Neurotransmitterhaushalt des Gehirns eingreifen. In ihrer Wirkweise und ihrem Ansatz unterscheiden sich traditionelle ADHS-Medikamente und Cannabis jedoch grundlegend voneinander.

Methylphenidat

Methylphenidat (Ritalin, Concerta, Medikinet) ist das meistverordnete ADHS-Medikament in Deutschland und gilt als Erstlinientherapie bei Erwachsenen.1 Es blockiert die Wiederaufnahme von Dopamin und Noradrenalin im synaptischen Spalt und verbessert Konzentration, Impulsivität und Arbeitsgedächtnis. Rund 60–70 Prozent der Erwachsenen sprechen auf Stimulanzien an. Häufige Nebenwirkungen: Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, erhöhter Puls.

Lisdexamfetamin

Lisdexamfetamin (Elvanse) ist ein weiteres Stimulans für Erwachsene, das bei unzureichendem Ansprechen auf Methylphenidat eingesetzt wird. Ähnliches Wirkprinzip, von manchen Betroffenen mit Diagnose ADHS besser vertragen, von anderen schlechter.

Atomoxetin

Atomoxetin (Strattera) ist das wichtigste nicht-stimulanshaltige Medikament bei ADHS , das besonders geeignet ist, wenn Stimulanzien nicht vertragen werden oder eine Suchterkrankung vorliegt. Es wirkt als selektiver Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer. Nebenwirkungen sind Übelkeit, Blutdruckanstieg und in seltenen Fällen Leberfunktionsstörungen.

WirkstoffKlasseEinsatzTypische NW
MethylphenidatStimulansErstlinie ErwachseneAppetit↓, Schlaf↓, Puls↑
LisdexamfetaminStimulansAlternative/ErgänzungÄhnlich Methylphenidat
AtomoxetinNicht-Stimulans (NRI)Wenn Stimulanzien unverträglichÜbelkeit, Blutdruck↑
GuanfacinNicht-Stimulans (α2-Agonist)Off-label ErwachseneMüdigkeit, Blutdruck↓
Cannabis (balanced)CannabinoidErgänzend, wenn o.g. nicht ausreichenSchwindel, kognitive Effekte

Was bedeutet das für Patienten, die bereits ADHS-Medikamente einnehmen?

Hier ist besondere Vorsicht geboten. Zwei kritische Wechselwirkungen sind besonders relevant:2

Achtung: THC und Stimulanzien (Methylphenidat, Lisdexamfetamin)

Sowohl THC als auch Stimulanzien beeinflussen das Herz-Kreislauf-System über sich überlagernde Mechanismen. Eine gleichzeitige Einnahme kann den Puls weiter erhöhen. Alle aktuellen Medikamente müssen im Fragebogen vollständig angegeben werden.

Achtung: CBD und Atomoxetin

CBD hemmt das Enzym CYP2D6, das maßgeblich am Abbau von Atomoxetin beteiligt ist. Eine höhere Konzentration von Atomoxetin im Blut kann Nebenwirkungen verstärken. Auch hier gilt es, einen Arzt zu informieren, bevor man Cannabis einsetzt.

Mehr zu allen Wechselwirkungen: Cannabis-Wechselwirkungen im Überblick.

Wie nehme ich medizinisches Cannabis bei ADHS ein?

Verdampfen

Das Vaporisieren gilt als verbreitete inhalative Darreichungsform cannabinoidhaltiger Arzneimittel, da das Cannabis kontrolliert erhitzt wird und nicht verbrannt wird. Da das Material nicht verbrannt wird, entstehen weniger Verbrennungsprodukte als beim Rauchen, von dem im medizinischen Kontext abgeraten wird, da die dabei entstehenden Stoffe zudem bestimmte Stoffwechselenzyme beeinflussen können. Beim Vaporisieren setzt die Wirkung bereits nach 5 bis 15 Minuten ein. Der schnelle Wirkungseintritt ermöglicht eine zeitnahe Wahrnehmung möglicher Effekte. Die Anwendung erfolgt ausschließlich nach individueller therapeutischer Einschätzung.

Wie Cannabisblüten aussehen und welche Inhaltsstoffe sie enthalten, siehst du in der Cannabisblüten-Übersicht.

Cannabis-Öl und Extrakte

Diese oralen Formen werden geschluckt oder unter die Zunge getropft und zeichnen sich durch einen exakt deklarierten THC- und CBD-Gehalt aus. Orale Darreichungsformen weisen im Vergleich zur Inhalation meist einen verzögerten Wirkungseintritt und eine längere Wirkdauer auf.

In der Übersicht zu Cannabis-Extrakten erfährst du mehr über verfügbare Zusammensetzungen.

Spray

Oromukosal-Sprays werden auf die Mundschleimhaut gesprüht und ermöglichen durch exakt definierte Einzelhübe eine standardisierte Wirkstoffmenge pro Sprühstoß. Ein solches Spray wurde auch in der bisher einzigen ADHS-Pilotstudie eingesetzt.3 Ihr Wirkungseintritt liegt zeitlich zwischen der schnellen Inhalation und der verzögerten oralen Einnahme. Zu beachten ist jedoch, dass entsprechende Fertigarzneimittel in Deutschland derzeit nur eingeschränkt verfügbar sind. Welche Darreichungsform medizinisch infrage kommt, wird individuell ärztlich beurteilt.

Wie schnell wirkt Cannabis bei ADHS?

Inhalation

Beim Vaporisieren setzt die Wirkung bereits nach 5 bis 15 Minuten ein und hält etwa 2 bis 4 Stunden an. Aufgrund des schnellen Wirkungseintritts wird die inhalative Anwendung in Studien und in der Praxis häufig gesondert betrachtet.

Orale Einnahme

Bei der Einnahme von Ölen oder Extrakten setzt die Wirkung erst nach 1 bis 3 Stunden ein, hält jedoch mit 6 bis 8 Stunden deutlich länger an. Aufgrund dieses verzögerten Eintritts besteht das Risiko, zu früh nachzudosieren. Der verzögerte Wirkungseintritt kann das Risiko unbeabsichtigter Nachdosierungen erhöhen.

Spray

Die Wirkung eines Mundsprays setzt nach etwa 15 bis 45 Minuten ein. Der Wirkungseintritt liegt zwischen der inhalativen und der oralen Anwendung. Es ist zudem eine Alternative für Betroffene, die nicht vaporisieren können oder möchten.

Faktoren, die den Wirkungseintritt beeinflussen

  • Mahlzeit: Orale Einnahme mit einer fetthaltigen Mahlzeit steigert die Resorption (THC ist fettlöslich)
  • Toleranz: Kann bei regelmäßiger Anwendung entstehen; Dosisanpassung durch den Arzt
  • Genetische Varianz: CYP-Enzymaktivität variiert individuell; manche Menschen bauen Cannabinoide schneller ab
  • THC-Gehalt: Höhere Konzentrationen können das jeweilige Symptom zwar schneller beeinflussen, erhöhen jedoch zugleich das Risiko unerwünschter Effekte.

Welche Nebenwirkungen sind möglich?

Allgemeine Nebenwirkungen

Zu den häufigen Begleiterscheinungen gehören Schwindel, trockener Mund und Müdigkeit. Bei höheren THC-Dosen können zudem vorübergehende Angstzustände und Herzrasen auftreten. Bei regelmäßiger Anwendung besteht außerdem das Risiko, eine psychische Abhängigkeit zu entwickeln.

Bezüglich der Frage nach Cannabis und einer ADHS-Psychose gilt, dass bei entsprechender Veranlagung hochdosiertes THC das Risiko psychotischer Episoden erhöhen kann. Aus diesem Grund ist eine persönliche oder familiäre Vorgeschichte von Psychosen oder Schizophrenie ein klares Ausschlusskriterium. Ein unkontrollierter Konsum auf dem Schwarzmarkt gilt im klinischen Kontext zudem als relevanter Risikofaktor, der den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen kann. Wer sich Cannabis gegen ADHS verschreiben lassen möchte, sollte solche Vorbelastungen im Fragebogen unbedingt angeben.

Cannabis ist nicht geeignet bei:

  • Schwangerschaft und Stillzeit
  • Persönlicher oder familiärer Vorgeschichte von Psychosen oder Schizophrenie
  • Schwerer Herzerkrankung
  • Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren

Unterschiede je Darreichungsform

Je nach gewählter Einnahmeform zeigen sich im Alltag unterschiedliche Risiken und Begleiterscheinungen:

  • Inhalation: Bei empfindlichen Personen kann es zu Reizung der Atemwege kommen. Zudem birgt der sehr schnelle Wirkungseintritt ein erhöhtes Risiko einer versehentlichen Überdosierung, falls zu rasch hintereinander inhaliert wird.

  • Orale Einnahme: Der verzögerte Wirkungseintritt verleitet Betroffene häufig dazu, zu frühzeitig eine weitere Dosis einzunehmen. Ein solches Einnahmeverhalten kann im Alltag durchaus problematisch sein, weshalb es wichtig ist, deutlich länger als gewohnt zu warten, bevor nachdosiert wird.

  • Spray: Diese Anwendung kann zu lokalen Schleimhautreizungen führen. Um dem vorzubeugen, sollte die Applikationsstelle im Mundraum regelmäßig gewechselt werden.

Besondere Hinweise bei ADHS

ADHS und Cannabisabhängigkeit: Erwachsene mit ADHS entwickeln häufiger eine Cannabis-Konsumstörung als die Allgemeinbevölkerung.4 Eine engmaschige Begleitung durch Fachmediziner ist deshalb gerade bei dieser Indikation besonders wichtig. Regelmäßiger hochdosierter THC-Konsum kann ADHS-Kernsymptome wie Impulsivität und Konzentrationsprobleme mittel- bis langfristig verschlechtern.

Kognitive Effekte: Hohe THC-Dosen können das Arbeitsgedächtnis und die Daueraufmerksamkeit beeinträchtigen, also genau die Bereiche, die bei ADHS herausfordernd sind. Therapeutisch sinnvoll ist nur eine sorgfältig titrierte, niedrige bis moderate Dosierung.

Vollständiges Nebenwirkungsprofil: Cannabis-Nebenwirkungen im Überblick.

Was kostet eine Cannabis-Therapie?

Zahlt die Krankenkasse Cannabis bei ADHS?

Eine Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenversicherung, um Cannabis bei ADHS auf Rezept zu erhalten, ist nach dem Sozialgesetzbuch grundsätzlich möglich.8 Sie erfordert einen individuellen Antrag, eine fundierte ärztliche Stellungnahme sowie die vorherige Genehmigung der Kasse. Die Kostenübernahme wird jedoch nicht immer bewilligt, da die Krankenkassen strenge Maßstäbe anlegen. Die Chancen stehen oft schlecht, wenn konventionelle Optionen wie eine medikamentöse Therapie oder die Verhaltenstherapie gegen die innere Unruhe noch nicht vollständig ausgeschöpft wurden oder therapierelevante Begleiterkrankungen vorliegen, die gegen den Einsatz sprechen. Die Antragstellung erfolgt in jedem Fall individuell über die behandelnde ärztliche Praxis.

Wichtig zu wissen ist außerdem, dass medizinisches Cannabis bei ADHS Kindern oder Jugendlichen unter 18 Jahren nicht verschrieben wird. Deswegen ist die Behandlung von Minderjährigen hier kein Thema.

Selbstzahlung

Ein Rezept bei Privatrezept.net kostet derzeit 14,99 €. Die Produktkosten hängen von der verordneten Menge, dem Produkt und dem Hersteller ab und variieren.

Cannabis-Rezept bei ADHS: So läuft die ärztliche Prüfung ab

Seit dem Cannabisgesetz (CanG, April 2024) können Ärztinnen und Ärzte cannabinoidhaltige Arzneimittel gemäß den gesetzlichen Vorgaben verordnen, wenn konventionelle Therapien nicht ausreichen oder nicht verträglich sind.8 

Beschwerden einordnen

Im Fragebogen gibst du deine Hauptsymptome wie Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität oder Impulsivität sowie deren konkrete Ausprägung im Alltag an. Eine subjektiv empfundene Linderung bestimmter Alltagsbeschwerden durch vorherigen Cannabiskonsum sollte dabei medizinisch präzise beschrieben werden. Ebenso wichtig sind bestehende Diagnosen und alle aktuell eingenommenen Medikamente.

Vorbehandlungen prüfen

Der Arzt prüft, welche Therapien du bereits erhalten hast. Ein gesetzlicher Vorbehandlungsnachweis ist für das Privatrezept nicht erforderlich. Cannabis kommt in der Regel als ergänzende Option für Menschen infrage, bei denen eine Standardtherapie nicht ausreichend gewirkt hat oder nicht verträglich war.

Das richtige Präparat finden

Ob eine Verordnung erfolgt und welches Cannabis bei ADHS das Richtige für dich ist, entscheidet ausschließlich die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt nach einer individuellen Prüfung. Für eine optimale Therapieeinstellung empfiehlt sich zudem die Vorstellung in einer medizinischen Einrichtung – etwa eine auf ADHS spezialisierte Praxis –, um den Verlauf professionell zu überwachen.

Cannabis bei ADHS: Praktische Erfahrungen aus der ADHS-Behandlung

Was berichten Patienten über den Einsatz von medizinischem Cannabis bei ADHS? Eine Querschnittsstudie mit erwachsenen ADHS-Patienten, die medizinisches Cannabis nutzten, dokumentierte eine häufig berichtete Reduktion ihrer Stimulanzienmedikation, die die Erkrankten mit dem Konsum von Cannabis in Verbindung brachten.7 In Beobachtungsdaten wurden zudem positive Veränderungen verschiedener klinischer Parameter beschrieben.

Aus der Praxis ist bekannt, dass viele ADHS-Betroffene Cannabis bereits vor einer formalen Therapie informell genutzt haben, häufig als Versuch der Selbstmedikation.4 Medizinisches Cannabis bietet gegenüber dem Schwarzmarkt jedoch den entscheidenden Vorteil einer kontrollierten Dosierung, einer professionellen ärztlichen Begleitung und eines qualitätsgesicherten Produkts, wodurch gleichzeitig das gesellschaftliche Stigma eines illegalen Konsums entfällt.

Wichtig: Erfahrungsberichte aus Foren oder sozialen Medien sind kein Ersatz für eine fundierte medizinische Einschätzung. Ob Cannabis bei ADHS für dich tatsächlich infrage kommt, beurteilt ein Arzt immer anhand deiner individuellen Krankengeschichte.

Studien & Quellen

Hier ein Überblick über die Studien, auf die sich diese Seite stützt:

StudieDesignTeilnehmerErgebnisJahr
Cooper et al.Pilot-RCT (Sativex 1:1)30 ErwachseneHyperaktivität/Impulsivität nominell sign. (p=0,03); Primärziel nicht erreicht2017
Hergenrather et al.Querschnittsstudie (MC-Patienten)Erwachsene mit ADHSCBN-Dosis mit niedrigerem ADHS-Score assoziiert; Stimulanzienreduktion berichtet2020
Sarris et al.Systematischer Review (Psychiatrie, alle Diagnosen)Mehrere StudienADHS-Evidenz „nascent"; Empfehlung verfrüht2020
Dhamija et al.Systematischer Review (20 Studien, PRISMA)Mehrere StudienÜberwiegend Observationsstudien; erhöhtes Konsumstörungsrisiko bei ADHS2023

Die Studienlage zu Cannabis bei ADHS ist deutlich begrenzter als die zu chronischen Schmerzen oder Schlafstörungen. Bis robustere randomisierte Studien vorliegen, ist Cannabis als ergänzende Option für Erwachsene einzuordnen, bei denen Standardtherapien nicht ausreichen.

Quellen

  1. AWMF S3-Leitlinie „ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen", Reg.-Nr. 028-045. Verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-045 2 3

  2. Sarris J, Sinclair J, Karamacoska D, Davidson M, Firth J (2020). Medicinal cannabis for psychiatric disorders: a clinically-focused systematic review. BMC Psychiatry. 20(1):24. PMID: 31948424. DOI: 10.1186/s12888-019-2412-8 2 3 4 5

  3. Cooper RE, Williams E, Seegobin S, Tye C, Kuntsi J, Asherson P (2017). Cannabinoids in attention-deficit/hyperactivity disorder: A randomised-controlled trial. Eur Neuropsychopharmacol. 27(8):795-808. PMID: 28576350. DOI: 10.1016/j.euroneuro.2017.05.005 2 3 4 5

  4. Dhamija D, Bello AO, Khan AA et al. (2023). Evaluation of Efficacy of Cannabis Use in Patients With Attention Deficit Hyperactivity Disorder: A Systematic Review. Cureus. 15(6):e40925. PMID: 37503496. DOI: 10.7759/cureus.40925 2 3

  5. Ryan JE, Fruchtman M, Sparr-Jaswa A, Knehans A, Worster B (2024). Attention Deficit Hyperactivity Disorder, Cannabis Use, and the Endocannabinoid System: A Scoping Review. Dev Psychobiol. 66(7):e22540. PMID: 39267530. DOI: 10.1002/dev.22540 2

  6. Mavaddat H et al. (2025). Cannabinoids and ADHD: a New Frontier in Neuropharmacology? J Mol Neurosci. PMID: 41165995. DOI: 10.1007/s12031-025-02435-3

  7. Hergenrather JY, Aviram J, Vysotski Y, Campisi-Pinto S, Lewitus GM, Meiri D (2020). Cannabinoid and Terpenoid Doses are Associated with Adult ADHD Status of Medical Cannabis Patients. Rambam Maimonides Med J. 11(1):e0001. PMID: 32017685. DOI: 10.5041/RMMJ.10384 2

  8. Cannabisgesetz (CanG), in Kraft getreten am 01. April 2024. Verfügbar unter: https://www.gesetze-im-internet.de/cang/ 2

Häufig gestellte Fragen zu Cannabis bei ADHS

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