Wenn der Rücken seit Monaten beim Aufstehen, beim Sitzen oder nachts schmerzt und Standardtherapien wie Ibuprofen, Wärme, Massagen gegen Verspannungen oder Physiotherapie keine dauerhafte Linderung bringen, stellt sich die Frage nach Alternativen. In solchen Fällen kann medizinisches Cannabis für die Behandlung von chronischen Rückenschmerzen eine klinisch geprüfte Behandlungsoption sein.
Die aktuelle Studienlage
Chronische Schmerzen sind der häufigste Grund für die Verschreibung von medizinischem Cannabis in Deutschland. Laut der Begleiterhebung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) entfallen über 75 % aller Verschreibungen auf Patienten, die unter chronischen Schmerzen leiden.1 Um die Evidenzbasis zu stärken, untersuchen klinische Forschungen zunehmend den gezielten Einsatz von Cannabis gegen chronische Rückenschmerzen. Die weltweite Forschung zu Cannabis liefert hierzu fortlaufend neue Erkenntnisse, insbesondere für Schmerzen im unteren Rücken.
Im Jahr 2025 erschien in Nature Medicine die erste große randomisierte kontrollierte Phase-3-Studie (RCT) mit 820 Teilnehmern aus Deutschland und Österreich, die die Wirksamkeit von Cannabis speziell bei chronischen Rückenschmerzen untersuchte. Ärzte, die medizinisches Cannabis verschreiben, stützen sich vermehrt auf solche fundierten Daten.2
Was sagen die aktuellen Studien?
Diese Seite stützt sich auf eine Phase-3-RCT aus 2025, eine JAMA-Meta-Analyse mit 6.462 Teilnehmern, drei weitere systematische Reviews sowie Daten der BfArM-Begleiterhebung und auf das aktuelle Cannabisgesetz. Alle Aussagen werden direkt zitiert.
In der Phase-3-Studie senkte ein Vollspektrum-Extrakt die Schmerzintensität deutlicher als ein Placebo: 54,1 % der Menschen mit chronischen Rückenschmerzen, die an der Untersuchung teilnahmen, erreichten eine Schmerzreduktion von mindestens 30 %, in der Placebogruppe waren es 39,5 % (Number Needed to Treat, NNT: 6,8).2 Die Gesamtevidenz wird als moderat eingestuft. Cannabis gilt nicht als Erstlinientherapie, sondern als Option, wenn etablierte Medikamente unzureichend wirken oder Unverträglichkeiten bestehen.34 So kann es beispielsweise klassische Schmerzmittel wie Ibuprofen ergänzen.
Ob Cannabis für dich infrage kommt, entscheidet ein Arzt nach einer individuellen medizinischen Prüfung.
Wie wirkt Cannabis bei Rückenschmerzen?
Die pharmakologische Wirkung von Cannabis beruht auf der Interaktion pflanzlicher Wirkstoffe mit dem menschlichen Nervensystem. Klinische Daten deuten darauf hin, dass Cannabis bei Rückenschmerzen helfen kann, indem es sowohl nozizeptive als auch neuropathische Reize moduliert.
Nozizeptive und neuropathische Rückenschmerzen
Bei Rückenschmerzen wird zwischen zwei Hauptformen unterschieden. Nozizeptiver Schmerz entsteht durch direkte Gewebereizung, wenn beispielsweise Verschleißerscheinungen oder Bandscheibenprobleme anhaltende Schmerzen im unteren Rückenbereich auslösen. Neuropathischer Schmerz hingegen resultiert aus der Reizung oder Kompression von Nerven, typischerweise bei einem Bandscheibenvorfall mit Ausstrahlung in das Bein (Ischias), was wiederum stark ausstrahlende Schmerzen verursachen kann.
Die Wirksamkeit von Cannabis bei Schmerzen wird für beide Ausprägungen intensiv untersucht. In der erwähnten Studie aus dem Jahr 2025 sank der NPSI-Score, der die Intensität neuropathischer Schmerzen misst, in der Cannabis-Gruppe um 14,4 Punkte, während in der Placebogruppe eine Reduktion um 7,2 Punkte beobachtet wurde (p=0,017).2
Mögliche Wirkweise beim Endocannabinoid-System (ECS)
Der menschliche Körper reguliert die Schmerzverarbeitung, Entzündungsreaktionen und den Muskeltonus über das Endocannabinoid-System, ein Netzwerk aus Rezeptoren und Botenstoffen, das hierbei eine zentrale Rolle einnimmt.
CB1-Rezeptoren befinden sich vor allem im Rückenmark und im Gehirn. Das Cannabinoid THC bindet an CB1-Rezeptoren und wird im Zusammenhang mit der Modulation von Schmerzsignalen untersucht.
CB2-Rezeptoren finden sich vor allem im Immungewebe und im peripheren Nervensystem. Hier kann CBD entzündliche Prozesse dämpfen.4
Systematische Reviews deuten darauf hin, dass Cannabinoide chronische Schmerzen über mehrere Mechanismen gleichzeitig beeinflussen. Ob bei Rückenschmerzen Cannabis eine schmerzlindernde Wirkung aufweist, wird in mehreren Untersuchungen erforscht.3 Das unterscheidet Cannabinoide von klassischen Analgetika, die meist nur an einem spezifischen Wirkungspunkt ansetzen.
THC und CBD: unterschiedliche Wirkprofile
THC (Tetrahydrocannabinol) wirkt schmerzlindernd, muskelentspannend und sedierend. Die in Studien beobachteten Effekte werden primär THC-haltigen Präparaten zugeschrieben. Der genaue Anteil der einzelnen Wirkstoffe an der Gesamtlinderung lässt sich jedoch noch nicht abschließend bestimmen.2
CBD (Cannabidiol) besitzt entzündungshemmende Eigenschaften und hat keine psychoaktive Wirkung. CBD wirkt somit primär auf peripherer Ebene, als Monotherapie reicht es bei der Behandlung von chronischen Schmerzen jedoch oft nicht aus. In einer Vergleichsstudie erzielte ein CBD-reicher Sublingualextrakt lediglich eine statistisch nicht signifikante Schmerzreduktion von 12,3 %.5 Die Kombination beider Wirkstoffe in einem Vollspektrum-Extrakt erzielt in der Praxis die deutlichsten Effekte.2
Welche weiteren Erkrankungen mit medizinischem Cannabis behandelt werden, zeigt unsere Übersicht der häufigsten Indikationen.
Cannabis bei Rückenschmerzen: Dauertherapie oder Bedarfsmedikation?
Ein Cannabis-Medikament kommt meist dann zum Einsatz, wenn die Beschwerden länger als drei Monate anhalten. Genau dieses Szenario, also die Anwendung von Cannabis bei chronischen Rückenschmerzen, ist der statistisch häufigste Grund für eine therapiebegleitende Cannabinoid-Gabe.2 Bei der Frage, wie gut medizinisches Cannabis für Rückenschmerzen geeignet ist, werden in der Praxis zwei unterschiedliche Einsatzwege diskutiert.
Dauertherapie: Die kontinuierliche Einnahme von oralen Extrakten oder Ölen zielt auf eine langfristige Schmerzkontrolle ab. Daten aus der Phase-3-Studie zeigen, dass die Schmerzlinderung im Behandlungsverlauf zunehmen kann. Nach 12 Wochen erreichten 54,1 % der Patienten eine Schmerzreduktion von mindestens 30 %, nach sechs Monaten stieg dieser Anteil auf 73,9 %.2
Bedarfsmedikation: Das Inhalieren von vaporisiertem Cannabis dient dem Abfangen akuter Schmerzspitzen, da die Wirkung bereits nach 5 bis 15 Minuten einsetzt. Für diesen gezielten Einsatz von Präparaten auf der Basis von Cannabis bei Rückenschmerzen liegen weniger spezifische Studiendaten vor, weshalb das Konzept aus der allgemeinen Schmerztherapie abgeleitet wird.
In einer Beobachtungsstudie mit 24 Patienten wurde ein Zusammenhang zwischen der Anwendung cannabinoidhaltiger Arzneimittel und einer geringeren Opioidmedikation beschrieben.5
Welche Cannabissorte bei Rückenschmerzen?
Die medizinische Auswahl der Cannabissorte orientiert sich am Schmerztyp, an der Verträglichkeit von THC und am Behandlungsziel. Ob und welches Cannabis bei Rückenschmerzen eingenommen werden könnte, entscheidet immer der behandelnde Arzt. Hier ist eine allgemeine Orientierung auf Basis der verfügbaren Studien:
- THC-dominante Produkte: Diese Präparate sind am besten bei chronischen Rückenschmerzen untersucht worden. Die Phase-3-Studie mit einem definierten Vollspektrum-Extrakt lieferte hierbei die fundiertesten Daten.2 In einer direkten Vergleichsstudie war die Inhalationstherapie mit hohem THC-Anteil einem reinen CBD-Sublingualextrakt signifikant überlegen.5
- Ausgewogene 1:1-Sorten (THC:CBD): Diese Kombination wird in der Fachliteratur unter anderem im Zusammenhang mit Schlafstörungen und weiteren Begleitbeschwerden beschrieben. Die entzündungshemmende Wirkung von CBD ergänzt die analgetische Wirkung von THC.
- CBD-dominierte Produkte: Für diese Form liegen derzeit die wenigsten klinischen Daten zu chronischen Rückenbeschwerden vor.5 Sie werden primär unterstützend eingesetzt, wenn eine ausgeprägte entzündliche Komponente vorliegt.
Welche Sorte konkret infrage kommt, legt der behandelnde Arzt individuell fest. Bei Privatrezept.net kannst du bis zu 6 Sorten pro Rezept aus über 1.400 Produkten auswählen.
Cannabis bei Rückenschmerzen vs. Standardmedikamente
Die dauerhafte Gabe klassischer Präparate stößt bei anhaltenden Beschwerden oft an klinische Grenzen. Aus diesem Grund wird der Einsatz von Cannabis bei starken Rückenschmerzen zunehmend als therapeutische Alternative oder Ergänzung zu herkömmlichen Medikamentenklassen untersucht.
NSAR (Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen)
NSAR sind die erste Wahl bei akutem Rückenschmerz und wirken schnell entzündungshemmend. Bei chronischem Einsatz sind Magenblutungen, kardiovaskuläre Risiken und Nierenschäden möglich und schränken die Langzeitanwendung ein. Cannabis stellt für Patienten, die NSAR nicht dauerhaft vertragen, eine potenzielle Alternative dar.2
Opioide
Opioide (Tramadol, Oxycodon) werden bei schwerem chronischem Rückenschmerz eingesetzt, weisen jedoch ein erhebliches Abhängigkeitspotenzial auf. Die Karst-Studie untersuchte cannabinoidhaltige Arzneimittel als mögliche Bestandteile langfristiger Schmerztherapiekonzepte.2 In der Vergleichsstudie konnten die Patienten ihren Opioidbedarf um 65,8 % senken.5
Muskelrelaxantien
Methocarbamol und Baclofen werden kurzfristig bei akuter Muskelverspannung eingesetzt. THC wird auch im Zusammenhang mit Muskeltonus und Muskelspannung via CB1-Rezeptoren im Zentralnervensystem ohne das Suchtpotenzial von Benzodiazepinen untersucht.
Antidepressiva und Antikonvulsiva beim neuropathischen Schmerzanteil
Bei ausstrahlenden Rückenschmerzen (Ischias, Bandscheibenvorfall) sind Duloxetin, Amitriptylin, Pregabalin und Gabapentin etablierte Medikationen. Cannabis zeigte gerade bei dieser Schmerzform einen deutlichen Effekt.2
| Medikament | Klasse | Einsatz | Typische NW | Abhängigkeitsrisiko |
|---|---|---|---|---|
| Ibuprofen / Diclofenac | NSAR | Akute Schmerzen, Entzündungen, schnelle Wirkung. | Magenblutungen, Nierenschäden, kardiovaskuläre Risiken bei Langzeiteinnahme. | Nein |
| Oxycodon / Tramadol | Opioide | Schwere chronische Schmerzen | Verstopfung, Atemdepression, Toleranzentwicklung. | Hoch |
| Baclofen / Methocarbamol | Muskelrelaxantien | Akute, schmerzhafte Muskelverspannungen | Müdigkeit, Sedierung, Muskelschwäche. | Mittel |
| Duloxetin / Pregabalin | Antikonvulsiva / Antidepressiva | Neuropathische Schmerzen (z. B. Ischias, Bandscheibenvorfall). | Schwindel, Benommenheit, Gewichtszunahme. | Niedrig bis mittel |
| Cannabisextrakt (Vollspektrum) | Cannabinoid | Chronisch, auch neuropathisch | Schwindel, Müdigkeit, Mundtrockenheit, Übelkeit. | Niedrig |
Was bedeutet das für Patienten, die bereits Medikamente einnehmen?
Bei einer Begleitmedikation sind pharmakologische Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten strikt zu beachten. Insbesondere CBD hemmt die körpereigenen Leberenzyme CYP3A4 und CYP2D6.6 Diese Hemmung kann die Blutspiegel von gleichzeitig eingenommenen Opioiden (wie Oxycodon oder Fentanyl) sowie von Antidepressiva (wie Duloxetin oder Amitriptylin) erhöhen. Dies kann zwar therapeutisch genutzt werden, um die Dosis der Standardmedikamente zu senken, birgt jedoch ohne ärztliche Anpassung das Risiko verstärkter Nebenwirkungen.
Laufende Therapien mit Opioiden, Antidepressiva oder Antikonvulsiva dürfen bei Beginn einer Cannabistherapie niemals eigenständig abgesetzt oder verändert werden.
Du erfährst mehr über die Einnahme von Cannabis und anderen Medikamenten in unserem Überblick über Cannabis-Wechselwirkungen.
Darreichungsformen von Cannabis bei Rückenschmerzen
Die Wahl der Applikationsform beeinflusst die Geschwindigkeit des Wirkungseintritts und die Wirkdauer. Verschiedene Formen von Cannabis weisen dabei grundlegend unterschiedliche pharmakokinetische Eigenschaften auf.
Verdampfen (Vaporisieren)
Das Vaporisieren mittels eines medizinischen Inhalators gilt als die schnellste Einnahmeform. Die Cannabinoide gelangen über die Lungenbläschen direkt in den Blutkreislauf, wodurch die Wirkung bereits nach 5 bis 15 Minuten einsetzt. Im Gegensatz zum Rauchen entfallen hierbei toxische Verbrennungsprodukte. Aufgrund des schnellen Wirkungseintritts wird diese Darreichungsform häufig im Zusammenhang mit akuten Beschwerden untersucht.
Welche fertigen THC-Vapes es gibt und wie sie wirken, siehst du auf unserer Vapes-Übersicht.
Oral einzunehmende Öle und Extrakte
Orale Darreichungsformen werden in klinischen Studien vor allem für langfristige Therapiekonzepte untersucht. Der Wirkungseintritt verzögert sich um 30 bis 90 Minuten, da die Wirkstoffe den Magen-Darm-Trakt und die Leber passieren (First-Pass-Effekt). Dafür hält die Wirkung mit vier bis acht Stunden vergleichsweise lange an. Die Phase-3-RCT untersuchte einen oralen Vollspektrum-Extrakt und lieferte damit die bislang fundiertesten Daten für den Einsatz bei chronischen Rückenschmerzen.2 Wichtig bei der Anwendung ist, die vollständige Wartezeit bis zum Wirkungseintritt einzuhalten, die ärztlich verordnete Dosierung exakt zu befolgen und nicht vorzeitig nachzudosieren.
Welche Extrakte und Produkte es gibt, zeigen wir dir auf unserer Cannabisextrakte-Übersicht.
Cannabisblüten
Medizinische Blüten werden in der Regel vaporisiert. Das klassische Rauchen wird aus medizinischer Sicht nicht empfohlen. Die dabei entstehenden Verbrennungsprodukte belasten nicht nur die Atemwege, sondern können auch das Enzym CYP1A2 induzieren. Dies kann den Abbau bestimmter Begleitmedikamente beschleunigen und deren Wirksamkeit unvorhersehbar verändern.
Wie Cannabisblüten aussehen und welche Inhaltsstoffe sie haben, siehst du auf unserer Cannabisblüten-Übersicht.
Mundsprays (Oromukosal)
Sprays werden auf die Mundschleimhaut aufgetragen und wirken nach etwa 15 bis 45 Minuten. Sie lassen sich präzise dosieren. Während neue Cannabis-Medikamente kontinuierlich entwickelt werden, ist die offizielle Zulassung für solche Sprays in Deutschland regulatorisch derzeit noch auf spezifische Indikationen eingeschränkt. Dein Arzt klärt, ob diese Form infrage kommt.
Wie schnell hilft Cannabis gegen Rückenschmerzen?
Inhalation
Die Wirkung setzt nach 5 bis 15 Minuten ein. Cannabinoide gelangen über die Lunge direkt in den Blutkreislauf, was einen schnelleren Wirkungseintritt als bei oralen Darreichungsformen ermöglicht.
Orale Einnahme
Der Wirkungseintritt dauert von 30 Minuten bis zu drei Stunden. Die Passage durch den Magen-Darm-Trakt und der First-Pass-Metabolismus der Leber verzögern den Beginn. Dafür liegt die Wirkdauer häufig bei vier bis acht Stunden.
Langzeiteffekt: Wirkung wächst mit der Zeit
Die Phase-3-Daten zeigen, dass sich die Schmerzlinderung kontinuierlich verbesserte. Nach 12 Wochen erreichten 54,1 % der Patienten eine Schmerzreduktion von mindestens 30 %, nach sechs Monaten stieg dieser Anteil auf 73,9 %.2 Chronische Rückenschmerzen sprechen daher besser auf eine Dauertherapie als auf eine kurzfristige Anwendung an.
Faktoren, die den Wirkungseintritt beeinflussen
- Mahlzeiten: Orale Einnahme mit fettreicher Kost steigert die THC-Resorption
- Toleranz: Regelmäßige Anwendung kann eine Dosisanpassung nötig machen
- Genetik: Individuelle CYP-Enzymvarianten beeinflussen den Stoffwechsel
- Produktform: Vollspektrum-Extrakte zeigen in Studien bessere Langzeiteffekte
Welche Nebenwirkungen sind möglich?
Allgemeine Nebenwirkungen
Die Phase-3-Studie dokumentiert das Nebenwirkungsprofil speziell für chronische Rückenschmerzen. In der Cannabis-Gruppe berichteten 83,3 % der Patienten über unerwünschte Ereignisse, in der Placebogruppe waren es 67,3 %. Der Großteil dieser Reaktionen war leicht bis moderat. Am häufigsten traten Schwindel (42,8 %), Übelkeit (16,4 %) und Müdigkeit (15,1 %) auf.2
Ein systematisches Review zu den Langzeitrisiken beziffert die allgemeine Nebenwirkungsprävalenz auf 26 %, wobei starke Nebenwirkungen beziehungsweise schwere Ereignisse bei unter 5 % der Patienten auftraten.7 Relevante Abhängigkeits- oder Entzugszeichen wurden in der randomisierten kontrollierten Studie nicht festgestellt.2
Cannabis ist nicht geeignet bei:
- Schwangerschaft und Stillzeit
- eigenen oder familiären Vorgeschichten von Psychose oder Schizophrenie
- schweren Herzerkrankungen
- Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren
- aktiver Cannabisabhängigkeit
Unterschiede je Darreichungsform
Bei der Inhalation stehen Atemwegsreizungen sowie das Risiko einer schnellen Überdosierung im Vordergrund. Bei der oralen Einnahme verleitet der verzögerte Wirkungseintritt Patienten häufig zu einer verfrühten zweiten Dosis, was die Hauptursache für ungewollte Überdosierungen ist. Die Anwendung von Mundsprays kann wiederum lokale Schleimhautreizungen auslösen, weshalb die Applikationsstelle regelmäßig gewechselt werden sollte.
Besondere Warnung: Opioid-Wechselwirkung
Bei gleichzeitiger Opioidtherapie kann CBD durch Hemmung des Enzyms CYP3A4 die Blutspiegel der Opioide erhöhen. Dies bietet zwar die therapeutische Möglichkeit einer Dosisreduktion, birgt ohne ärztliche Überwachung jedoch das Risiko einer Atemdepression.
Patienten dürfen die Opioiddosis niemals eigenständig reduzieren.
Ein vollständiges Nebenwirkungsprofil findest du auf unserer Übersichtsseite zu Cannabis-Nebenwirkungen.
Was kostet eine Cannabistherapie bei Rückenschmerzen?
Kassenleistung
Eine Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenversicherung ist nach § 31 Abs. 6 SGB V möglich, wird bei chronischen Rückenschmerzen jedoch selten bewilligt. Die Krankenkassen verlangen in der Regel den Nachweis, dass alle Standardtherapien vollständig ausgeschöpft wurden oder unzumutbare Nebenwirkungen verursacht haben. Dein behandelnder Arzt kann das entsprechende Antragsverfahren einleiten.8
Selbstzahlung
Bei einer Verordnung auf Privatrezept tragen Patienten die Kosten für die ärztliche Rezeptausstellung sowie für die Apothekenpräparate selbst. Die Preise für die Arzneimittel variieren je nach gewählter Darreichungsform, Hersteller und verordneter Menge.
Ein Rezept bei Privatrezept.net kostet derzeit 14,99€.
Cannabis-Rezept bei Rückenschmerzen: So läuft die ärztliche Prüfung ab
Seit dem Inkrafttreten des Cannabisgesetzes (CanG) im April 2024 ist medizinisches Cannabis nicht mehr als Betäubungsmittel eingestuft. Ärzte können es bei medizinischer Indikation auf einem normalen Privatrezept verordnen, sofern dies fachlich vertretbar ist.8
Beschwerden einordnen
Die klinische Grundlage für die ärztliche Entscheidung bildet ein strukturierter Anamnesebogen. Hierbei werden Schmerzintensität, Dauer und die genaue Lokalisation der Beschwerden erfasst. Auch potenzielle Ausstrahlungen, die auf einen neuropathischen Schmerzanteil hinweisen, sowie bisherige Therapieversuche und die aktuelle Medikation werden erhoben.
Vorbehandlungen prüfen
Der Arzt evaluiert im Rahmen der Prüfung, welche therapeutischen Maßnahmen bereits durchgeführt wurden. Für die Ausstellung eines Privatrezepts ist ein formaler, schriftlicher Vorbehandlungsnachweis gesetzlich zwar nicht zwingend vorgeschrieben, jedoch sind die präzisen Angaben zu den bisher genutzten Schmerzmitteln für die individuelle medizinische Beurteilung der Indikation relevant.
Welches Cannabis ist bei Rückenschmerzen das Richtige für dich?
Die Auswahl der spezifischen Darreichungsform sowie das passende Cannabinoidprofil erfolgt durch den behandelnden Arzt auf Basis der Patientenangaben zum Schmerztyp, den Begleitsymptomen und eventuellen Begleitmedikamenten. Nach der ärztlichen Prüfung steht fest, ob und wie die Wirkstoffe der Pflanze gezielt gegen deine Rückenschmerzen helfen können. Bei einem positiven Prüfungsergebnis wird das Rezept digital ausgestellt.
Mehr Informationen über den allgemeinen Einsatz von Cannabis gegen Schmerzen findest du in unserer Übersicht zu medizinischem Cannabis bei chronischen Schmerzen.
Cannabis bei Rückenschmerzen: Erfahrungen aus der Praxis
Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten gesundheitlichen Beschwerden in der Bevölkerung und sind gleichzeitig die mit Abstand häufigste Indikation für den Einsatz von medizinischem Cannabis in Deutschland. Laut der Begleiterhebung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) wurden über 75 % der rund 21.000 dokumentierten Behandlungen aus diesem Grund initiiert.1
Ergebnisse aus der klinischen Praxis, etwa aus der Beobachtungsstudie von Robinson et al., zeigen bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen und Bandscheibenerkrankungen unter einer THC-haltigen Inhalationstherapie positive Tendenzen. Die Teilnehmer berichteten von einer gesteigerten Alltagsfähigkeit, einer verbesserten Schlaf- und Lebensqualität sowie der Möglichkeit, die begleitende Opioiddosis zu senken.5 Die Daten der Phase-3-Studie verdeutlichen zudem, dass diese therapeutische Wirkung im Rahmen einer Dauertherapie über Monate hinweg kontinuierlich zunimmt und nicht abrupt eintritt.
Subjektive Berichte in Internetforen oder sozialen Medien bieten jedoch keine verlässliche Grundlage für medizinische Entscheidungen. Die Eignung von medizinischem Cannabis zur Behandlung von Rückenschmerzen muss in jedem Einzelfall individuell von einem Arzt geprüft und beurteilt werden.
Studien & Quellen
Die wissenschaftliche Datenlage zu diesem Thema hat sich durch die Veröffentlichung der ersten Phase-3-RCT speziell für chronische Rückenschmerzen im Jahr 2025 substanziell verbessert. Dennoch werden weitere Studien für direkte Vergleiche mit Standardtherapeutika wie NSAR oder Opioiden sowie für detaillierte Subgruppenanalysen benötigt, da umfassende randomisierte Daten hierzu weiterhin fehlen.
Die folgende Übersicht fasst die Kernstudien zusammen, auf denen die medizinischen Aussagen dieser Seite beruhen.
| Studie | Design | Teilnehmer | Ergebnis | Jahr |
|---|---|---|---|---|
| Karst et al. | Phase-3-RCT, doppelblind, Deutschland/Österreich | 820 | 54,1% ≥30% Schmerzreduktion vs. 39,5% Placebo (p<0,001) | 2025 |
| Whiting et al. | Meta-Analyse (79 Studien) | 6.462 | Moderate Evidenz für chronische Schmerzen | 2015 |
| Lee et al. | Systematisches Review (12 Studien) | k.A. | 11/12 Studien positiv; einziger RCT ohne sig. Vorteil | 2023 |
| Petzke et al. | SR von RCTs (15 Studien) | 1.619 | NNT 14 für ≥30% Schmerzreduktion; NNH 3 für ZNS-NW | 2016 |
| Robinson et al. | Beobachtungsstudie | 24 | VAS 83,3→39,1; Opioidverbrauch −65,8% | 2022 |
| Zeraatkar et al. | SR Langzeitnebenwirkungen | k.A. | NW-Prävalenz 26%; schwere NW <5% | 2022 |
Quellen
-
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) (2022). Begleiterhebung zu medizinischem Cannabis — Abschlussbericht. Pressemitteilung 05/2022. https://www.bfarm.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2022/pm05-2022.html ↩ ↩2
-
Karst M, Meissner W, Sator S, Keßler J, Schoder V, Häuser W (2025). Full-spectrum extract from Cannabis sativa DKJ127 for chronic low back pain: a phase 3 randomized placebo-controlled trial. Nature Medicine. PMID: 41023483. DOI: 10.1038/s41591-025-03977-0 ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6 ↩7 ↩8 ↩9 ↩10 ↩11 ↩12 ↩13 ↩14 ↩15
-
Whiting PF et al. (2015). Cannabinoids for Medical Use: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA. 313(24):2456–2473. PMID: 26103030. DOI: 10.1001/jama.2015.6358 ↩ ↩2
-
Lee C, Danielson EC, Beestrum M, Eurich DT, Knapp A, Jordan N (2023). Medical Cannabis and Its Efficacy/Effectiveness for the Treatment of Low-Back Pain: a Systematic Review. Curr Pain Headache Rep. PMID: 38041708. DOI: 10.1007/s11916-023-01189-0 ↩ ↩2
-
Robinson D, Ritter S, Yassin M (2022). Comparing Sublingual and Inhaled Cannabis Therapies for Low Back Pain: An Observational Open-Label Study. Rambam Maimonides Med J. PMID: 36394500. DOI: 10.5041/RMMJ.10485 ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6
-
Khan R et al. (2022). Contemplating cannabis? The complex relationship between cannabinoids and hepatic metabolism resulting in the potential for drug-drug interactions. Front Psychiatry. 13:1055481. PMID: 36741541. DOI: 10.3389/fpsyt.2022.1055481 ↩
-
Zeraatkar D et al. (2022). Long-term and serious harms of medical cannabis and cannabinoids for chronic pain: a systematic review of non-randomised studies. BMJ Open. PMID: 35926992. DOI: 10.1136/bmjopen-2021-054282 ↩
-
Cannabisgesetz (CanG), in Kraft getreten am 01. April 2024. https://www.gesetze-im-internet.de/cang/ ↩ ↩2
